25.11.2018 - Predigt am Ewigkeitssonntag in der Amanduskirche

Gottesdienst mit Abendmahl am Totensonntag 2018, 25. November, 10:30 Uhr, Amanduskirche Freiberg

Text: Philipper 1, 18c.21-26 (Text im Verlauf der Predigt)

Liebe Gemeinde am Totensonntag,

erst vor drei Tagen waren wir hier in der Kirche beieinander, als unser Stadtrat Rudolf Lutz bestattet wurde. Eine sehr große Menge von Menschen folgte seinem Sarg. Und wer da war, hat jetzt gerade wahrscheinlich gedacht: Das waren doch dieselben Worte, die eben in der Schriftlesung aus Johannes 11 erklangen, wie die am Donnerstag! Das ist richtig, denn am Donnerstag war in diesen Worten der Denkspruch des Verstorbenen aus dem Jahre 1964 enthalten, über den wir bei der Trauerfeier nachdachten.

Dass diese Worte heute, drei Tage später noch einmal erklingen, ist im Grunde purer Zufall, denn heute ist es die in unserem Pfarrerblatt vorgeschlagene Lesung aus der Heiligen Schrift. Das liegt also nicht an mir, dass ich das so bestimmt hätte. Doch da ich schon lange einen anderen Begriff dafür habe, was Zufall meint, wundert mich dieser Zusammenhang von Donnerstag und heute überhaupt nicht.

Für mich persönlich ist der Zufall in der Regel das, was Gott mir zufallen lässt – ist also eher eine Fügung, damit ich lerne zu sehen und zu verstehen, wie sich viele Dinge in meinem Leben fügen, ohne dass ich sie selbst gesteuert hätte. Und oft genug kann ich darin eine wohlmeinende Handschrift erkennen, nicht immer sofort und in jedem Fall, aber in der bei weitem überwiegenden Mehrzahl der Fälle.

Heute sehe ich das Heilsame darin, dass wir auch als Totensonntagsgemeinde, die nicht nur um Rudolf Lutz, sondern um viele andere Menschen trauern, noch einmal an das Wesentliche dieser Gedanken des Johannesevangeliums erinnert werden.

Denn im Grunde fühlen wir genauso wie Marta und Maria – und haben oft das Gefühl, Gott bzw. Jesus wäre nicht dagewesen, als unser Nächster starb – und sagen deshalb: „Herr, wärst du hier gewesen, so meine Verwandte, mein Freund, wäre mein Mann, meine Frau, mein Vater, meine Mutter oder gar mein Kind nicht gestorben.“

Und aus diesem Gefühl der Verlassenheit hat sich auch bei uns schon oft der Gedanke eingenistet: Gott ist ganz weit weg, wer weiß schon, ob es ihn überhaupt gibt, ob ich ihm vertrauen kann, es ist doch noch keiner zurückgekommen. --- So sagen wir oft dahin, so sagen es viele, die sich weise dünken.

Doch es ist eben nicht weise, so zu denken.

Weise wäre es zu erkennen, dass der Tod mit all seinem Leid, mit all seinem Schmerz, mit aller Mühsal und Plage und Verlassenheitsgefühl uns eben nicht von Gott trennen kann – so sehr der Tod das auch will. Denn Jesu Botschaft ist: Der natürliche Tod gehört zum Leben, auch Lazarus, den ich nun auferwecke, wird wieder sterben. Der natürliche Tod ist nicht die Verneinung Gottes, nicht die Verneinung des Glaubens, sondern, im Gegenteil, seine Erfüllung, der Schritt in ein neues Leben.

So hatte es ja der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer seinem englischen Mitgefangenen Payne Best zugeraunt, als man ihn am 8. April 45 schließlich doch noch aus dem Gefangenentransport in Schömberg herausholte, um ihm den Prozess zu machen, um ihn zu töten. Nicht wahr, Bonhoeffer war ja schon fast der Gefahr entkommen, als der Bus mit seinen gebeutelten Insassen in den Tiefen des Bayerischen Waldes im Nirgendwo landete und man ihn im KZ Flossenbürg vergeblich erwartete und suchte. Ein Fehler auf der Liste, wie auch immer, die Rettung, die Rettung seines irdischen Lebens, war ganz nah. Die anderen, die mit ihm in Schömberg gelandet waren, vor allem Offiziere aus dem In-und Ausland, sie kamen ja auch tatsächlich mit dem Leben davon. Doch dann standen an diesem Sonntagmorgen, als Bonhoeffer eben auf Wunsch der Mitgefangenen eine Andacht gehalten hatte, plötzlich zwei SS-Leute in der Tür. „Gefangener Bonhoeffer, fertigmachen und mitkommen!” Alle wussten, was das zu bedeuten hatte.

“This is the end”, sagte Bonhoeffer noch ganz schnell zu seinem englischen Freund Payne Best, “but for me it is the beginning of a new life.”

„Das ist das Ende, doch für mich ist es der Anfang eines neuen Lebens.“ Dieses neue Leben Bonhoeffers begann einen Tag später, nach seiner Hinrichtung am frühen Morgen des 9. April 45. Was für eine starke Glaubensgewissheit, was für ein unzerstörbares Leben – in Christus!  

Ganz ähnlich klingt nun der Apostel Paulus im heutigen Predigttext, Philipper 1, 18c.21-26.

Aber ich werde mich auch weiterhin freuen, denn Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll. Denn es setzt mir beides hart zu: ich habe Lust aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen. Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben, damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.

Liebe Gemeinde,

die Nähe zwischen Paulus damals und Bonhoeffer viel später hat einen inhaltlichen Grund. Beide sind inhaftiert, beide mit dem Tod bedroht. Bei Bonhoeffer war es in diesem Moment, als die SS ihn in Schömberg abholte, klar, wie die Sache ausgehen würde, - bei Paulus ist es, als er diese Zeilen schreibt, noch offen.

Umso mehr erstaunen die Worte beider Männer, bei Bonhoeffer die Gewissheit der Erwartung eines neuen Lebens, bei Paulus diese ungetrübte Zuversicht, die tiefe, offenbar unzerstörbare Freude.

„Aber ich werde mich auch weiterhin freuen“, schreibt Paulus, als wenn er aus dem Urlaub eine Postkarte schicken würde, heiter und frohgestimmt, obwohl für die folgende Woche Sturm angesagt ist. Doch seine Lage ist weitaus ernster, er weiß nicht, wie es äußerlich, nach menschlichem Ermessen und Empfinden ausgeht. Wird er am Leben bleiben oder sterben?

Doch diese Alternativen scheinen ihn nicht zu betrüben, „denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“

Also, was kann mich denn wirklich gefährden? Christus ist mein Leben, das kann kein Tod zerstören, egal, wie er sich aufspielt, und das Sterben führt mich doch direkt in die Vollendung dieses neuen Lebens hinein. Also, warum sollte ich Trübsal blasen?

Als ich am Freitag vor acht Tagen mit ein paar alten Freunden auf der Beerdigung des Ehemannes einer gemeinsamen Freundin aus Jugendtagen war, der mit 50 Jahren an einem Herzinfarkt überraschend gestorben war, da ist etwas ganz Ähnliches gesagt worden – und zwar von seiner 14jährigen Tochter. Dazu muss man wissen, dass die ganze Familie sehr fest im Glauben steht und zu einer freikirchlichen Gemeinde in Wiesbaden gehört:

Also stellte sich Marlene, die älteste der drei Kinder, vorne hin vor etwa 150 Trauergästen und sagte sinngemäß: „Wenn der eigene Vater stirbt, denken alle Leute, man wäre jetzt völlig durch den Wind, aber schaut, ich weiß ganz genau, dass er bei Jesus ist, dem Lebendigen. Und weil Jesus alle Macht hat auch über den Tod, kann ich mich selbst in meiner Trauer freuen! Denn dort hat er nun sein Leben, das richtige Leben!“

Wir alle hielten etwas die Luft an, als sie dann auch noch mit ihrer Freundin ein Lied sang, das diese Kraft Gottes, der dieses neue Leben gibt, beschwor. Mit 14 Jahren! Was für ein großes, unfassbares Gottvertrauen, dachte ich bei mir und hoffte im Stillen, dass sie sich dieses Gottvertrauen Zeit ihres Lebens auch bewahren kann, vor allem, wenn nach der Beerdigung die eigentlich traurigen Tage kommen.

Wenn alle gegangen sind, ist es ja oft viel schwerer als am Anfang, da merkt man erst, dass Trauer ein Weg ist, den man langsam, Schritt für Schritt gehen muss. Manche kennen sogar das Gefühl, am liebsten auch tot zu sein wie der Nächste, um den man trauert.

Paulus will uns aber ermutigen: „Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen.“ Paulus hat also keine generelle Sinnkrise, er fragt sich nicht, ob sein irdisches Leben nach all dem, was geschehen ist, noch zu etwas nützt. Er fragt nicht, ob das Gefängnis ein Zeichen der Gottverlassenheit ist.

Sondern er sagt: Wenn Gott will, dass ich weiterlebe, so aus einem einzigen Grund: Dass ich Frucht schaffe, was bedeutet, dass ich noch mehr Menschen mit dem Evangelium erreiche und sie in dieses unvergängliche Leben hineinziehe. Dass sie auch diese Freude, diese unverlierbare Freude am Leben haben.

Das ist für ihn der eigentliche Kern, das Thema seines Lebens: Menschen die gute Nachricht weiterzusagen, niemandem seine große Hoffnung, seinen starken Glauben zu verschweigen. Denn eben darin liegt das Leben, liebe Gemeinde, wenn wir sagen können: Ja, Gott hält mich, ja Gott trägt mich, ja, er reißt mich und meinen Verstorbenen auch aus dem Tod, denn kein Tod kann uns töten, wenn wir in Christus leben.

Dann kann es sogar so weit gehen, dass man wie Paulus, Bonhoeffer oder die 14jährige Marlene weiß: Bei Gott zu sein ist eigentlich das Beste, was einem Christen passieren kann. Und darum gibt es keine Furcht mehr, kein Verzagen, sondern sogar eine Vorfreude auf die Ewigkeit:

„Ich weiß gar nicht, was ich wählen soll: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen“, schreibt er in Vers 23 und 24.

Ich glaube, wir verstehen, dass es bei Paulus gar nicht die Wahl zwischen Tod und Leben gibt, sondern nur zwischen Leben und Leben. Soll ich hier weiterleben – oder bei Christus? Letzteres wäre ihm eigentlich lieber, denn er ist voller Vorfreude. aber dann ist da auch so etwas wie die Erkenntnis: Vorerst will Gott offenbar, dass ich noch bei euch bleibe. Er schreibt:

„Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde euch zur Förderung und zur Freude im Glauben, damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.“

Liebe Trauergemeinde,

heute, an diesem Totensonntag, begehen wir als Christen im Grunde viel mehr als ein Totengedenken. Wir schlagen durch das Evangelium von Jesus Christus das Kapitel unserer Hoffnung auf die Ewigkeit ganz neu auf.

Wir lernen zu verstehen, dass es für die, die sich mit Christus verbunden haben, keine Macht gibt, die sie vom Leben trennen kann, auch nicht der Tod.

Im Gegenteil: Der Tod ist das Zeichen für den neuen Anfang, er ist der Beginn eines neuen Lebens.

Paul Gerhardt schrieb im Lied, das wir vorhin sagen, noch die Strophe:

Kann uns doch kein Tod nicht töten, sondern reißt unsern Geist aus viel tauend Nöten, schließt das Tor der bittern Leiden, und macht Bahn, da man kann gehn zu Himmelsfreuden.

Amen.

Pfarrer Andreas Bührer