15.03.2020 - Predigt beim kleinen Gottesdienst im Pfarrhof Amanduskirche

Predigt beim kleinen Gottesdienst im Pfarrhof am Sonntag, 15. März 2020

Wir stehen vor neuen Herausforderungen, liebe Gemeinde. Meinen Schülern habe ich vorgestern gesagt, dass ich eine solche Situation in meinen 55 Lebensjahren noch nicht erlebt habe. Schule und öffentliches Leben sind unterbrochen und lahmgelegt, Veranstaltungen abgesagt, die meisten Theater und Kinos dicht.

Und dass wir heute Morgen hier sind, wenn auch in kleiner Formation und auf entfernt voneinander stehenden Stühlen, mag auch der eine oder die andere kritisch sehen. Dürfen wir das, sollen wir das, machen wir uns in irgendeiner Weise mitschuldig am Fortschreiten dieser Krankheit?

Das sind große Herausforderungen, schwierige, unbequeme Fragen, wo einem das Antworten nicht leichtfällt. Zu Beginn meiner Predigt möchte ich sagen: Das Leben eines Christenmenschen ist noch nie einfach gewesen. Als Christen haben wir gelernt, dass wir uns einem Feind nicht einfach beugen, sondern ihm auf eine ganz bestimmte Weise, nämlich gewaltlos und im Vertrauen auf Gott widerstehen sollen. Wir haben gelernt, dass es wichtig ist, vor der Gefahr nicht wegzulaufen wie die Jünger bei der Gefangennahme Jesu. Das steckt tief in uns drin.

Doch diese Lage mit Corona weist einen anderen Feind auf, einer, der von seinem Naturell her die Vereinzelung fordert, den Nicht-Kontakt, die Distanz zu anderen. Das Virus lauert gerade dort, wo viel Nähe ist, viel Zuwendung, also gemeinerweise in der stärksten mitmenschlichen und somit christusgemäßen Verhaltensweise. Plötzlich ist Zuwendung und Nähe problematisch. Und ich sehe in Gedanken den Mann vor mir, der am Mittwoch an der Pforte des Ludwigsburger Krankenhauses stand und zur Pförtnerin sagte: „Sie verlangen also von mir, dass ich meine im Sterben liegende Mutter nicht mehr besuchen soll! Da werde ich Rechtsmittel einlegen!“

Denn seit Donnerstag ist ja der normale Besuchsverkehr nicht mehr möglich.

Herausforderungen, liebe Gemeinde, ganz unbekannter Art. --- Sich absondern, sich trennen von der eigenen Familie! Das ist doch nicht christlich, das geht doch nicht!

Sollte man zumindest meinen. Doch ausgerechnet heute hören wir auf einen Predigttext, der uns genau diese Zumutung ins Haus liefert. Ich lese Lukas 9, 57-62.

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Liebe Gemeinde, was wir hier gehört haben, gehört zu den stärksten Herausforderungen, mit denen Jesus seine Zuhörer konfrontiert hat. Und man fragt sich ganz unwillkürlich: Wie konnte er nur so etwas von den Leuten verlangen? Wer will denn unter solchen Bedingungen sein Nachfolger sein? Das ist doch richtig radikal, was er hier sagt.

Gut, im ersten Fall ist es noch aushaltbar, als Jesus zu einem Anwärter sagt: Die Füchse haben Gruben, die Vögel Nester, aber ich, der Menschensohn kann dir keine Sicherheit bieten. Ich weiß nicht, wo ich abends schlafen werde. Ich weiß auch nicht, wovon ich leben werde! Und ich weiß auch nicht, welches Schicksal auf mich wartet. Also überlege es dir gut, damit du dir nichts vormachst!

Ja, ich finde, es klingt einleuchtend, dass Jesus diesen Anwärter warnt: Denke nicht, dass die Nachfolge meines Weges, den ich gehe, ein netter Spaziergang wäre! Ein wildromantisches Abenteuer mit großem Spaßfaktor! Nein, das ist es nicht. Es ist eher ein Kampf, ein tägliches Aushalten der Unsicherheit, ob man uns freundlich begegnen wird, ob man uns akzeptiert oder verspottet, anfeindet oder gar verfolgt. --- Und - was dieser Anwärter noch nicht wusste, wissen wir heute alle: Jesu Tod kam viel zu früh. Seinem irdischen Leben war äußerlich nur ein kurzes Glück beschieden. Es endete an einem römischen Folter- und Mordinstrument, am Kreuz --- und war das bittere Ergebnis eines hoffnungsvollen Weges.

Man könnte also im ersten Fall sagen: Gut, dass Jesus diesen Mann gewarnt hat. Er hat doch ein Recht darauf zu wissen, was ihn erwartet.

Doch spätestens im zweiten Fall wird es schwierig, nein, es ist fast nicht zum Aushalten. Jesus sagt einem Mann, der seinen Vater begraben will, ganz gleich, ob schon gestorben oder bald zu erwarten, dass er doch die Toten ihre Toten begraben lassen soll, er jedoch solle hingehen und das Reich Gottes verkünden.

Dieser Auftrag verstößt, sagt der Neutestamentler Martin Hengel, in radikaler Weise gegen „Gesetz, Frömmigkeit und Sitte“ jener Zeit – und reißt auch uns aus allen romantisierenden Jesus -Vorstellungen. Die Familie, sagt Jesus ganz klar, kann und darf kein Hinderungsgrund sein für die Nachfolge. Und wenn wir diesen Gedanken weiterdenken, dann erkennen wir in ihm auch etwas sehr Notwendiges.

Beginnen wir bei Jesus selbst: Hätte er auf seine Familie gehört, dann wäre er kein Prediger des Reiches Gottes geworden, sondern wohl Zimmermann geblieben. Denn seine eigene Familie hält ihn ja für verrückt, „von Sinnen“ wie Luther Markus 3,21 übersetzt.

Doch Jesus weiß und spürt, dass er einen anderen Weg gehen muss und gründet in diesem Zuge eine neue Familie: Nämlich die seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger, die Gottes Willen tun. „Das sind jetzt meine Brüder und Schwestern, die hier bei mir sind, die sich mit mir auf den Weg machen“ lässt er seiner Mutter Maria ausrichten (Markus 3,34)

Und aus dieser Erfahrung heraus, dass die Liebe der Familie auch etwas sein kann, was den eigenen Weg verhindert, lähmt oder beschwert, sagt er zu dem zweiten Anwärter: „Pass auf, wenn du deiner Familie gegenüber alles recht machen willst, dann taugst du nicht zu meinem Nachfolger!“ Denn in einer Familie gibt es ja immer irgendwas, was grade bindet, in diesem Fall hier der Tod des Vaters, der vor allem steht, oder die kleinen Kinder sein, die erst groß werden sollten, das Haus, das jetzt gebaut werden soll… - es wird immer etwas da sein, was mich hindert oder bindet, wir kennen auch diese Erzählungen, bei denen ältere Menschen erkennen, dass sie ihr Leben lang nur funktioniert haben, immer nur das gemacht haben, was man von ihnen erwartet hat.

Jesus sagt: Wer mir nachfolgen will, muss sich auch lösen können von dem, was von ihm erwartet wird. Sonst wird das nicht funktionieren. Sonst bleibt die Freiheit auf der Strecke, das Ernstnehmen „des Lebensrufes in neue Bindungen hinein“, wie es Hermann Hesse in seinem Gedicht von den Stufen geschrieben hat. So wie sich ein Kind vom Elternhaus logischerweise vom Elternhaus lösen muss, um seinen Weg zu finden, was wir ja gutheißen, muss sich auch ein Erwachsener manchmal lösen aus dem, was ihn zurückhalten, kleinhalten will von seinem erkannten eigenen Weg.

Eines ist dabei ganz klar: Von außen gesehen ist diese Nachfolge häufig Unfug. Ein Mann lässt alles stehen und liegen und verlässt seine Familie. Eine Frau namens Maria lässt ihre Schwester Marta schuften, während sie müßig bei Jesus sitzt. Ein kleiner Junge namens Michel lädt an Weihnachten das gesamte Armenhaus ein. Er tischt den ausgehungerten Alten das komplette Speisezimmer auf, und als die Eltern nach Hause kommen, finden sie für das große Familienfest nicht mal mehr einen Wurstzipfel vor. Michels Begründung dazu: „Die Verwandten sind schon dick genug. Es ist doch wohl besser, das Essen kommt dahin, wo es etwas nützt.“  

Unfug, von außen betrachtet, aber auch Konsequenz christlicher Nachfolge, von innen betrachtet.

Der dritte Anwärter, der zu Jesus kommt, hat eigentlich nur einen kleinen Wunsch: Sich von zuhause verabschieden. Eine Kleinigkeit, sollte man meinen. Wer von uns hätte da nicht gesagt: Also dann, lauf schnell, und komm dann nach? Doch wieder schockiert uns Jesus mit seiner harten Antwort: Nein, wende dich nicht zurück. Denn dann wird nichts daraus, dann bleibst du dort hängen. Dann wird dein Werk nichts.  Du ziehst keine geraden Furchen auf dem Feld mit dem Pflug, wenn du zurückschaust. Denn Vergangenes kann den Blick verklären.

Dieser Mann steht für mich für den, der nicht loskommt von seiner Vergangenheit. Ein Trauerfall vor vielen Jahren, der Tote wird zum beherrschenden Ereignis des weiteren Lebens. Ein Studienabbruch, mit dem man keinen Frieden schließt. Ein Lebenstraum, der geplatzt ist, eine Krankheit, die den eigenen Weg verunmöglicht hat, alles kann dazu führen, dass jemand nicht mehr nach vorne schaut, sondern nur nach hinten. Aber auch eine Schuld, von der man meint, nicht mehr loskommen zu können, die das ganze weitere Leben blockiert.

Jesus wusste um diese Gefahr, die in der Vergangenheit liegen. Immer wieder zurückschauen, was hält mich, was bindet mich. Ich habe es auch gemerkt bei unserer Fusion. Es ist schwer, gewohntes aufzugeben, sich neues vorzunehmen, denn das kann Angst machen. Das eigene Gemeindehaus aufgeben, das löste große Befürchtungen aus, auch bei mir.

Inzwischen denke ich, es ist gut, dass wir uns auf den Weg machen und nicht verharren im Alten. Weil Christsein heißt, nach vorne zu gehen, sich auf den Weg zu machen, nicht stehen zu bleiben. Und das wird und kann auch nur das Rezept sein, wie wir Kirche überhaupt zum Leben führen können. Indem wir uns lösen von dem, was war und neue, mutige Wege gehen. Indem wir uns fragen: Was will Jesus von uns heute? Wo fordert er uns zu neuem Denken und Handeln heraus? Wo will er, dass wir gegen den Strom schwimmen?

 Manchmal habe ich solche Gedanken auch in mir persönlich, und ich frage mich: Ist das eigentlich ein Christsein, wie Jesus es meint, wenn man so im Beamtenstatus sein Berufsleben absolviert? Wo ist da noch das Risiko, wo der Widerspruch zur Gesellschaft, wo die angefeindete Tat, wo der Unfug?

Ich finde: Dieser Text soll uns grade darin einen kräftigen Anstoß geben.

Und noch etwas ist mir wichtig: Diesen Text muss man nicht moralisch auslegen. Früher haben wir in der Regel Auslegungen dazu gehört, deren Tenor lautete:

Bist du auch fromm genug? Bist du überhaupt ein geeigneter Kandidat, eine geeignete Kandidatin für die Nachfolge? Oder gibt es in deinem Leben irgendwelche Leichen im Keller?

So aber wurde aus diesem Text eine Art Leistungsmessung für Christusnachfolgende. Das aber, da bin ich mir sicher, war nicht das, was Jesus gemeint hat. Es geht nicht um die Frage der persönlichen Optimierung, sondern um die Frage, ob wir immer wieder bereit sind, dem bleibenden Ruf des Lebens, dem stets neu zu hörenden Ruf Jesu aus hemmenden Bindungen heraus zu folgen. ---

Liebe Gemeinde,

wenn Sie sich nun fragen, was das Ganze nun mit der Corona -Krise zu tun hat, so will ich antworten: Zumindest ist der Text ein Hinweis darauf, dass es im Leben von Christenmenschen auch Zeiten geben kann, in denen es heilsam ist, wenn man seinen eigenen Weg geht und nicht dort verbleibt, wo alle anderen sind. Auch das bewusste Vereinzeln ist manchmal im Leben dran, so wie es Jesus selbst vorgemacht hat, bevor er sich in neue Bindungen begab. --- Vielleicht kann das ja ein Trost sein für die gegenwärtigen Wochen. 

Amen.

Andreas Bührer