Karfreitagsmusik in der Nikolauskirche

Die Johannes-Passion von H. Schütz – Karfreitagsmusik in der Nikolaus-Kirche

Seit vielen Jahren ist die Reihe „Musik zur Sterbestunde“ an der Nikolaus-Kirche ein fester und erfreulicher Bestandteil im liturgisch-musikalischen Leben in Geisingen. So verwunderte es auch nicht, dass trotz strahlenden Frühlingswetters die Kirche um 15.00 Uhr bis auf den letzten Platz gefüllt war: Michaela Hartmann-Trummer, seit drei Jahren Kantorin in der Freiberger Gesamtkirchengemeinde, hatte sich wieder etwas ganz Besonderes ausgedacht: Die Johannes-Passion – aber nicht in der sehr bekannten Version von J.S. Bach, sondern in der viel unbekannteren a-cappella-Fassung von Heinrich Schütz.

So begann die Veranstaltung auch mit einigen kurzen und hilfreichen Ausführungen der Kantorin zur Besonderheit der Schütz’schen Passion – unterstützt von zwei Beispielen, die der Chor vortrug. Außerdem setzte Hartmann-Trummer mit ihrer Aufführung noch einen ganz besonderen Akzent: Sie hatte 5 Choräle ausgesucht, die sie an geeigneten Stellen der Passion zusammen mit Orgel und Gemeindegesang eingeflochten hatte: So wurden auch aus den Zuhörern „aktive Beteiligte“, die in den selbst gesungenen Chorälen Raum fanden, die geschilderten Ereignisse des dramatischen Passionsgeschehens des Evangelisten Johannes für sich zu reflektieren.

Ohne weitere „opernhafte Zutaten“ wie etwa Arien und Rezitative vertont Schütz sehr puristisch und streng ausschließlich die Worte der Passionsgeschichte, wie man sie in der Bibel lesen kann. Evangelist, Jesus, Pilatus sind die Haupt-Protagonisten, Magd, Knecht und Petrus haben kurze Einwürfe. Den Solisten gegenüber stehen die „Turbae“-Situationen: Hohepriester, aufgewiegelte Juden, und Kriegsknechte, die vom Chor in vierstimmigen, polyphonen Chorsätzen kunstvoll in das dramatische Geschehen eingebunden sind. Umrahmt wird die Passion von einem gesungenen Introitus und einer abschließenden Conclusio.

Mit dem jungen Tenor-Solisten Felix Haberland stand ein höchst beeindruckender Evangelist auf der Kanzel: Ausdrucksvoll und mit künstlerisch beeindruckender Wort-Ton-Deklamation zeigte Haberland seine große Klasse als Evangelist. Mit lupenreiner Intonation und tragfähigem Stimmvolumen zog er die Zuhörer in den Bann. Auch die Rolle des Jesus war mit dem Theologen und Solo-Bariton Hanns-Albrecht Merkle geradezu ideal besetzt: Mit seinem klangschönen Bariton verlieh er den Worten des Christus Majestät und Würde, modifizierte gekonnt Tempo und Farbe und ließ das Publikum förmlich „an seinen Lippen“ hängen. Auch die Rolle des Pilatus war mit einem jungen Tenor ideal besetzt: Nicolas Schikora – wie Felix Haberland auch Mitglied des bekannten Stuttgarter HYMNUS-Chores – gab seiner Rolle die entscheidenden Impulse zwischen Ratlosigkeit und Unentschlossenheit der Pilatus-Figur und überzeugte mit gut geführtem, klangschönem Stimmsitz. Die kurzen Einwürfe aus dem Chor wurden von Chormitgliedern zuverlässig und präzise eingestreut.

Erfreulich aber ist besonders die Entwicklung der Kantorei unter der sehr sicheren und überzeugenden Leitung der Kantorin Michaela Hartmann-Trummer: Präzise hatte sie den Chor auf die gar nicht leichten, oft kontrapunktisch verstrickten Choreinsätze vorbereitet. Zupackend, mit präziser Diktion und wandlungsfähigem Ausdruck meisterte der Chor seine anspruchsvolle Aufgabe auf hohem Niveau.

Auch der Gemeindegesang war ein voll-tönender Chor: Zu den Klängen der Orgel (Enrico Trummer) sang das ganze Kirchenschiff mit Inbrunst und großer Beteiligung am Passionsgeschehen die Passions-Choräle mit.

Auf den besonderen Wunsch hin von Pfarrer Wirsching verließen die Zuhörer dann erfüllt und beseelt und ohne zu applaudieren die Kirche und die musikalische Sterbestunde. Ein bewegender Moment – ganz im Sinne der evangelischen Kirchenmusik.